Zwei Schritte vorwärts, einen zurück

Man kann das ein bisschen schwer greifen, aber das Gefühl ist da, dass sich das Land nach rechts bewegt. Es kommt daher, dass man Konflikte in den Nachrichten sieht, die so präsent schon länger nicht da waren, Nazi-Demonstrationen, die größer sind als erwartet und unendlich viele Kommentare unter den Artikeln von SpOn und Co. liest, die einem die Hutschnur heben. Es kommt daher, dass eine Partei im Bundestag sitzt, die offen gegen Religionen und Geflüchtete hetzt und damit irgendwie ungeschoren davonkommt. Aber ist das der Rechtsruck der Gesellschaft, von dem man immer liest? Genügt das, um eine Fremde herzustellen, wo vor ein paar Jahren noch Heimat war? Ich sage Nein – wir müssen uns nur wieder daran erinnern, wie stark wir als Gesellschaft eigentlich sind. Dieser Beitrag soll nicht auf Ursachenforschung für den Erfolg der AfD gehen, das haben andere schon ziemlich gut gemacht. Nein, um was es mir geht, ist der Aussage entgegenzutreten, dass das Land kippe.

Aber von Anfang an.

Vor einigen Jahren habe ich Barack Obama erlebt, und er sagte einen Satz, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Demokratie, Politik, das sei zwei Schritte vorwärts und einen zurück. Daran mache ich das fest, was mir, uns, ein bisschen Mut geben soll.

In den letzten Jahren hat sich unsere Gesellschaft mit einer extremen Geschwindigkeit bewegt. Damit meine ich die zunehmende Gleichstellung von bislang nicht gleichgestellten Gruppen, ein offen schwuler Mann regiert ein Bundesland, eine Muslima sitzt am Kabinettstisch, #BlackLivesMatter und #MeeToo lösen Wellen aus. Das sind riesige Mühlsteine, die sich beständig drehen. Dazwischen sind allerdings Menschen, die diesem Fortschritt nicht standhalten können und wollen, weil das eigene Weltbild nicht mehr in das Muster passt, sie Muslime als Bedrohung sehen oder halt nicht Gendern wollen. Sieht man sich auf der anderen Seite die aktuellen Eurobarometer-Zahlen an steigt das Vertrauen in das Staatswesen im eigenen Land und sogar in die EU. Die Zustimmungswerte für Demokratie steigen.

Laut verschiedenen Studien werden Minderheiten gerne überschätzt. Das beginnt damit, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen weitaus höher eingeschätzt wird als er ist und endet damit, dass viele den Anteil von Muslimen in der Bevölkerung als weitaus höher als real wahrnehmen. Die Soziologin Cornelia Weins umschrieb dieses Phänomen mit der Autochthonie, die eigentlich aus der Geologie oder Biologie kommt. Grob gesagt: wenn ein Baum schon immer in einem Gebiet vorgekommen ist, ist er Autochthon, wenn nicht, dann nicht. Ihre These ist, dass je mehr Fremde ins Gebiet der Autochthonen kommen, diese eine Abwehrreaktion zeigen. Nun halte ich es für zu kurz gedacht, das „Fremde“ im populären Sinn zu greifen und einfach „Geflüchtete“ an deren Stelle zu setzen, wie Weins das macht. Aber die Idee ist nicht schlecht. Fremd sind eben diese Mühlsteine, die größer werden, die Aufnahme und Akzeptanz von Zuwanderung ist da nur ein kleiner Teil davon.

An diesem Punkt sind wir wieder beim Thema des letzten Beitrages angekommen: der Identität. Wenn nämlich Autochthone den Eindruck haben, sich zunehmend für ihre eigene rechtfertigen zu müssen, ruft das eine Abwehrreaktion hervor. Wenn Gewohntes, auch wenn es aus gutem Grund geschieht, nicht mehr akzeptiert wird, ist das für diese Menschen eine Bedrohung. Und dann ist es letztendlich auch egal, wem das sonst noch so geht, darum erleben wir eine scheinbar vereinte Rechte und SympathisantInnen, die wir dort sonst nie im Leben verortet hätten. So fangen plötzlich wirklich nette Menschen aus dem eigenen Umfeld an, AfD zu wählen, obwohl sie bisher ihr Kreuz bei der CDU gemacht haben.

Das ist eben auch der Grund, warum es wenig nutzt, das mit der Wirtschaft in eine Reihe zu stellen. Die Arbeitslosenzahlen gehen runter, das AfD-Ergebnis hoch, meine Güte, vielleicht muss man anfangen, das nicht in einen kausalen Kontext zu stellen. Anders gesagt ist der Rückbau von prekärer Beschäftigung zwar als soziale Frage ein Teil der Lösung, prekäre Beschäftigung aber nicht unbedingt Teil des Problems.

Es ist insofern eben kein Ruck, aber diese Abwehrreaktion, diese vereinte Identität, führt dazu, dass die Rechte mutiger wird, lauter, Debatten beeinflusst und Solidarisierungen hervorruft. Wir erleben gerade in Bayern, dass eine Partei, die aktiv AfD-Positionen übernimmt, ein historischer Rückgang im Wahlergebnis bevorsteht, spätestens da sollten wir gelernt haben, dass auch das Übernehmen von Themen nichts nützt.

Was hilft also? Der gesellschaftliche Wandel lässt sich nicht aufhalten. Das gute an der Sache ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung, wie die genannten Umfragen zeigen, das auch so sieht. Diese Mehrheit ist allerdings fragmentiert, weil sie verschiedene Identitäten vereint, und das ist auch gut so. Der Punkt ist, dass die einzige wirksame Gegenmaßnahme ist, Bedeutung zu schwächen, sprich, nicht mehr dauernd die Identität der Autochthonen zu beweinen, sondern die Probleme zu adressieren, die sich die fragmentierte Mehrheit wünscht. Keinem nützt es etwas, wenn zum hundertsten mal Geflüchtete Thema einer Talkshow sind. Keinem nützt es etwas, dass sexualisierte Gewalt von Migranten zwar eine Titelseite wert ist, sexualisierte Gewalt auf dem Oktoberfest aber nicht einmal besprochen wird.

Es ist eine Minderheit, die den gesellschaftlichen Wandel ausnutzt und dafür nützt, Menschen auszugrenzen. Die Mehrheit ist für Demokratie, für Offenheit. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber wir sollten lernen, dass uns das als Gesellschaft ausmacht. Wir sollten beginnen, das als identitätsstiftendes Element zu betrachten und nicht über jeden Stock springen, den die Minderheit der Rechten uns hinhält.

Zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Wenn wir uns das verdeutlichen, können wir wieder beginnen, zwei neue Schritte zu machen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s