Eurṓpē bedeutet Weitsicht.

Den Menschen erklären, warum wir Europa brauchen. Das war mein Auftrag, mit dem ich als sechzehnjähriger Juso auf die Straße geschickt wurde. Werbung machen für die SPD für die Europawahl war das Ziel, aber dazu musste ich den Leuten zu erst einmal vermitteln, warum sie überhaupt wählen gehen sollten. „Bürokratie“ hörte ich oft, die Gurkennorm wurde zitiert und die Machtlosigkeit des Parlaments, des Rates und die Macht derjenigen Staats- und Regierungschefs, bei denen das Geld sitzt.

Was sagt man also darauf?

Ich erinnerte an das Demokratieprinzip, die Legitimation, aus denen Parlamentarier ja erst Macht entwickeln können, so ganz genau wusste ich aber nicht, für wen ich da überhaupt Wahlkampf machte.

Heute, knapp vier Jahre später, bin ich noch immer bei den Jusos und trete in der Europa Union und bei den Jungen Europäischen Föderalisten für die EU ein. Ich weiß, wie Europa funktioniert, was es im Kern zusammen hält und wie Macht entwickelt wird, zumindest im Ansatz. Der Große Unterschied zwischen mir und all den anderen ist vielleicht nur mein Alter. Ich bin nicht resigniert, im Gegenteil, ich wollte herausfinden, warum die Leute Europa zwar irgendwie voll in Ordnung finden, die europäische Politik aber eher negativ wahrnehmen. Schwer beeindruckt hat mich da das Europaparlament in Straßburg. Gigantisches Gebäude und ein noch gigantischerer Plenarsaal. Einzig der Union Jack auf dem Platz von Nigel Farage brachte einen Hauch Individualität in den Saal, sonst stand man da einfach einem riesigen Haufen Plätzen gegenüber. „Was das kostet“ raunte damals eine Lehrerin, die mit ihrer Schulklasse die Straßburg-Pflichttour abarbeitete, „und das zahlen alles wir“.

Und das zahlen alles wir.

Das ist es im Kern, was die Menschen interessiert: das Geld. Ein paradoxes Verständnis von Integrität ist es doch irgendwie, auf was man da trifft. Braucht man Europa nun oder ist es nur noch dafür da, undankbare Griechen und Zyprioten Transparente vor sich her tragen zu lassen?

Nein, ist es nicht.Denn was die Menschen verwechseln ist das essentielle. Europa braucht die Menschen mindestens so sehr, wie sie Europa. Eigentlich weiß jeder, dass Europa für den Frieden verantwortlich ist, für den wir jeden einzelnen Tag dankbar sein müssten. Für Reisefreiheit und für die gemeinsame Währung, die der Bundesrepublik Wirtschaftliche Stärke einbringt und uns garantiert, dass wir in x Ländern mit unserem Geld zahlen können. Einfach so, ohne wechseln. Doch die europäische Tagespolitik lernt man erst kennen, wenn man zwischen den EU-Gipfeln und den Treffen der europäischen Finanzministern zwischen den Zeilen lesen kann. Es ist diese Einheit, die Europa stark macht. Die Europa zu einer Kontrollinstanz macht, zu einem Binnenwirtschaftsraum, der die Starken vereint und die schwachen stützt. Und dass man nicht jeden Tag Europa spürt, ist, wie immer, ein Kommunikationsproblem. Vielleicht der einzige, der es (wenn auch im negativen Sinne) schafft, ist der oben genannte Nigel Farage. Er schafft es, zu polarisieren und sich die Bereiche zum Tragen nach außen heraussucht, die die Menschen interessieren und sie so bedingungslos verknappt, dass man sich zumindest einbildet, sie verstanden zu haben. Im Positiven bekommt das im übrigen Martin Schulz hin. Doch auch die beste Kommunikation hilft nichts, wenn die Inhalte nicht stimmen. Europa muss sich vor allem darüber klar werden, wie es in Zukunft Politik machen möchte. Mit den Menschen, dann muss die demokratische Legitimation dringend reformiert werden. Von einem kleineren zu einem mächtigeren Parlament und Rat, das auch den Mut haben darf, Entscheidungen zu blockieren. Das würde auch den vielen Jusos da draußen helfen, die immer gerne für das komplexe System Europa Wahlkampf machen. Es ginge aber auch einfacher.

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